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Von Echokammern, Bewohnbarkeit
und der Vielheit des Raumes
– Frank-Thorsten Moll

Ein oktogonaler Körper mit einem gefühlten Durchmesser von eineinhalb Metern wächst aus der Decke in Richtung Boden. Von der anderen Seite wächst ein vergleichbares Element vom Boden aus Richtung Decke. Beide Objekte scheinen in Beziehung zueinander zu stehen, denn sie schmiegen sich an ein und dieselbe Säule und teilen sich zusammen eine Plinte aus Rigips-Platten, die als verbindendes Raumelement funktioniert. Der Künstler selbst nennt seine Objekte gerne Raummaschinen und Trotz ihrer massiven Anmutung wirken beide Körper leicht und seltsam gravitätisch. Neben diesen beiden Körpern mit ihrer integrierten Beleuchtung und mehreren schwarzen Kabeln, gehört ein orangefarbener Kessel und ein Heizkörperfragment (Graue Energie) wesentlich zu der Installation ALLModul, Stratify, die Thomas Woll Ende 2022 realisierte.

Die Kabel, die aus der Bodenplatte des über dem Boden schwebenden Elements baumeln, verweisen zudem auf etwas Unsichtbares, das im Inneren zu passieren scheint. Wozu die Energie aber konkret gebraucht wird und was im Inneren des Körpers damit passiert, erschließt sich nicht. Getragen von den Elementen Schwerelosigkeit, Energie und Rätselhaftigkeit wirkt diese Installation seltsam frei und unabhängig von dem sie umgebenden Galerieraum. Man könnte fast meinen, dass dieses Gebilde schon vor dem tatsächlichen Raum da gewesen ist, oder anders formuliert: Die Installation wirkt als führe sie ein Eigenleben, fernab von Zeit und Raum.

Die wahrhaft revolutionären künstlerischen Projekte – so heißt es in der Kunstgeschichte – waren immer vor allem eines – neue Konzepte von Raum und Zeit. So oder so ähnlich könnte eine Kurzusammenfassung allen künstlerischen Schaffens seit Ende des 20. Jahrhunderts lauten. Die Säule der Unendlichkeit von Constantin Brâncuși aus dem Jahr 1938, Yves Kleins Sprung in die Leere am 27. November 1960 oder Bruce Naumanns Atelierbegehungen, wie zum Beispiel Walking in an Exaggerated Manner Around the Perimeter of a Square (1968) sind solche Werke, die Raum und Zeit und damit auch die Vorstellung von Kunst maßgeblich veränderten. Im deutschsprachigen Raum haben sich vor allem zwei Philosophen mit diesen Verwebungen von Zeit und Raum auseinandergesetzt. Martin Heidegger und er sich immer wieder auf ihn beziehende Peter Sloterdijk. Beiden ist klar, dass überall dort wo man Kunst als ein Ereignis in Raum und Zeit versteht, ist sie eine mit Gesellschaft und Kultur verwobene Dimensionen, die weder konstant noch unveränderlich ist. Für beide ist das Wohnen Ausgangspunkt ihres Nachdenkens über die Konstitution des Raums. Wohnen verstehen sie als einen Prozess, in dem sich Menschen zusammen mit anderen Menschen und Dingen zu bestimmten Zeitpunkten auf der Erdoberfläche einrichten. Gesellschaften sind für Sloterdijk als „Räume-Vielheiten“ und „Prozess-Vielheiten“ zu verstehen, die ähnlich wie Immunsysteme funktionieren, also sich durch die Annahme und die Ablehnung von Raumvorschlägen weiterentwickeln, so wie ein Organismus sich durch Immunreaktionen zu einem besseren entwickelt.1

Ein Kunstwerk kann demnach als ein Raumvorschlag verstanden werden, darum benutzt die Kunstkritik auch immer wieder die Floskel vom Kunstwerk, das im Idealfall durch seine vielfältigen Potenziale „ungeahnte Räume“ öffnet.
In Sloterdijks Überlegungen steht fest, dass die frühen Menschen durch ihre Weltoffenheit und damit verbunden mit dem Erkennen von den Funktionsweisen der Erde lernten, sich den Gefahren zu widersetzen, denen sie unentwegt ausgesetzt sind. Das grundlegende Prinzip, um den Gefahren zu begegnen, ist die Einübung erfolgreicher Überlebensstrategien und deren Routinisierung. Die aus der Gefahrenabwehr entstehenden Systeme nennt er Immunsysteme. Neben dem biologischen Immunsystem identifiziert er zwei Immunsysteme, die er als kulturelle Leistungen der Menschen sieht: die sozio-immunologischen Praktiken im Bereich des sozialen Miteinanders und die psycho-immunologischen Praktiken im Bereich des Symbolischen. Für unseren Kontext ist die psycho-immunologische Praxis von größerer Relevanz.

Mir kommt es so vor, als wolle der in Düsseldorf lebende Künstler Thomas Woll uns die Funktionsweisen dieser psycho-immunologischen Abwehrpraxis im Bereich des Symbolischen immer wieder vor Augen führen und deren Akzeptanz austesten. Anders gesagt: Wolls Arbeiten sind als eine Herausforderung für unsere Immunsysteme konzipiert, indem sie die beiden Paradigmen der sogenannten Hypermoderne – die auf der Entgrenzung von Orts- und Zeitgrenzen basieren – auf die Spitze treiben. Passend dazu beschrieb Dr. Emmanuel Mir Woll‘s Skulpturen als „idiosynkratische Lesart des Raums“ die nicht ortsspezifisch, sondern vielmehr „eine eigene, selbstbezogene Welt, eine glatte und rätselhafte Zukunftsvision mit technoiden und futuristischen Ansätzen, verankert in unserem kollektiven SF-Gedächtnis“ darstellen“. Thomas Woll selbst sieht seine Kunst eher als eine Reflexion über, als eine Herausforderung von. Als Künstler richte er seine Aufmerksamkeit auf die sich rasant verändernde Lebenswirklichkeit, die von den bekannten Parametern von Raum und Zeit und den digitalen Sphären bestimmt seien.

Die Menschen bewegten sich laut Woll in beiden Welten: Die eine abgeschritten in den bekannten Dimensionen von Raum und Zeit, die andere erbaut aus dimensionslosen Pixeln. In seiner Kunst erforsche er die Durchdringung der physischen Realität durch die neue, digitale Wirklichkeit. Doch zurück zu Wolls Skulpturen, deren Kommentarfunktion über den digitalen Raum zwar nachvollziehbar, aber immer eher subtil funktioniert. Zugegebenermaßen drängen sich bei der Betrachtung seiner Arbeiten häufig dystopische Assoziationen auf. Die Idee von Wohnkapseln, die von Aliens behaust werden, oder Raumgefährten, die sich durch einen menschenleeren Orbit bewegen sind nie ganz von der Hand zu weisen. Diese Bildwelten sind das Einfallstor des Digitalen, da sie als Ergebnisse einer cineastischen Bildgebungsindustrie, unsere Wahrnehmung bereits so stark infiltriert hat, dass unser Denken, Fühlen und Sehen gar nicht mehr ohne deren Referenz funktioniert. Sind wir Teil einer Simulation? Sehen wir, was wir sehen? Thomas Woll schafft Räume, die diese Fragen auf uns zurückwerfen. Sie sind Echokammern, die uns die Vielheit und die unaufhaltsame Durchdringung von realen und digitalen Räumen vor Augen führt.

1 Vgl. Einfuhrung_Die_ungeheuerliche_Raumphilosophie_von_.pdf

Echo chambers, habitability and the multiplicity of space
– Frank-Thorsten Moll

Or, to put it another way, the installation looks as though it has a life of its own, far removed from time and space. As art history has shown us, the truly revolutionary artistic projects were above all new concepts of space and time. This could essentially serve as a summary of all artistic work since the end of the 20th century. Endless Column by Constantin Brâncuși (1938), Yves Klein’s Leap into the Void (27 November 1960) or Bruce Nauman’s studio tours such as Walking in an Exaggerated Manner Around the Perimeter of a Square (1968) are all prime examples of works that significantly changed the perception of space and time and, in turn, of art itself. In the German-speaking world, two philosophers in particular explored this interweaving of time and space, namely Martin Heidegger and Peter Sloterdijk, who regularly makes reference to Heidegger’s work. Both men are well aware that, wherever art is seen as an event in space and time, it is a dimension that is woven together with society and culture – a dimension that is neither constant nor unchangeable. For both Heidegger and Sloterdijk, the starting point for their contemplations on the constitution of space is ‘living’ (in the sense of making a home) – which they see as a process in which people establish themselves at particular times and particular points on the surface of the Earth, together with other people and things. Sloterdijk sees societies as ‘space multiplicities’ and ‘process multiplicities’ that work in much the same way as immune systems. In other words, they evolve by accepting and rejecting spatial proposals, just like an organism develops into a better one through immune reactions.1

This means that a work of art can be understood as a spatial proposal, which is why art critics regularly use empty phrases describing ‘artwork that opens up unimagined space’ through its manifold potential. Central to Sloterdijk’s observations is the notion that early humans, through their openness – and, in turn, their ability to recognise how the world worked – learnt to defy the dangers to which they were constantly exposed. The fundamental principle for dealing with these dangers is practising successful survival strategies and making them part of their routine. The name he gives to systems that arose from averting hazards is ‘immune systems’. Besides the biological immune system, he identifies two immune systems that he sees as human cultural achievements: socio-immunological practices in interacting with other people and psycho-immunological practices relating to the symbolic. The psycho-immunological practice is of greater relevance for our context.

My impression is that Düsseldorf-based artist Thomas Woll is aiming to repeatedly demonstrate to us how this psycho-immunological resistance works in relation to the symbolic and is sounding out the extent to which it is accepted. In other words, Woll’s works are designed as a challenge for our immune systems in that they take both paradigms of the ‘hypermodern’ – which are based on blurring the borders of place and time – to the extreme. Fittingly, Dr Emmanuel Mir described Woll’s sculptures as an “idiosyncratic interpretation of space” which, rather than relating to specific locations, is more of “a self-contained, self-serving world, a sleek and mysterious vision of the future with technoid and futuristic approaches, firmly anchored in our collective science fiction memory”. Thomas Woll himself views his art as reflecting on how things are rather than challenging them. As an artist, he turns his attention to the rapidly changing realities of life, which are determined by the familiar parameters of space and time and by the digital spheres. Woll believes that people move in two worlds: either one that can be encountered in the familiar dimensions of space and time, the other constructed of non-dimensional pixels. In his art, he researches how the physical reality is penetrated by the new digital reality.

But let us return to Woll’s sculptures, which have something to say about digital space, even if this is always done rather subtly. Admittedly, dystopian associations frequently impose themselves when we observe his works. The idea of residential capsules housing aliens or of spacemen moving through a lifeless orbit can never be dismissed completely. These visual worlds are the gateway for the digital – thanks to the movie industry, they have already infiltrated our senses so much that we can no longer think, feel or see without referring to them. Are we part of a simulation? Do we actually see what we are seeing? Thomas Woll creates spaces that throw back these questions at us. They are echo chambers that reveal to us the multiplicity and inexorable penetration of real and digital spaces.

1 See Einfuhrung_Die_ungeheuerliche_Raumphilosophie_von_.pdf
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